Chile und Argentinen Teil 2

Chile und Argentinen

Teil 2

Bei der Auffahrt zur Laguna del Maule geht meine BMW plötzlich aus. Nur um dann sofort wieder anzuspringen. Das hatte ich noch nie und bin entsprechend verdutzt. Das passiert noch 3-4 Mal, bis wir letztendlich an der Grenzstation ankommen. Bergab tritt das Problem nicht mehr auf.  Die Aussentemperaturen machen es nicht besser. Die Schlucht ist wie ein Trichter geformt und der auflandige Wind pustet die heisse Luft in die Berge. Es fühlt sich an als ob jemand permanent einen Föhn auf uns richtet.

Auf dem Rückweg bergab passieren wir eine große Mine und machen uns zum ersten Mal Gedanken. Ein solches Bild wäre bei uns undenkbar. Chile hat zahlreiche Bodenschätze wie Kupfer und Lithium. Diese Bodenschätze sind einer der Gründe für den hohen Lebensstandard in Chile.

Wir entscheiden uns an einem Fluss auf einem Campingplatz zu zelten. Die Bäume spenden Schatten und der Fluss kühlt die Luft zusätzlich. Am Eingang des Campingplatzes treffen wir auch einen Chilenen mit einer V-Strom. Er fragt ob wir vielleicht ein kaltes Bier möchten. Da wir beide eine gute Erziehung genossen haben können wir diese Einladung natürlich unmöglich ablehnen. Brian ist Professor für Geologie an der Uni in Santiago und ein sehr netter Mensch. Er gibt uns seine Handynummer und meint, falls wir irgendwann auf Probleme stossen, sollten wir ihn anrufen. Das sollte nicht die einzige Begegnung dieser Art bleiben.

 

Später gesellt sich ein Security Mitarbeiter aus der Mine zu uns, der ebenfalls auf dem Campingplatz übernachtet. Er lädt uns zu  einem Wein ein und bringt auch gleich eine 2,5L Flasche mit. Der Wein schmeckt super und ich frage ihn ob es sich um chilenischen Wein handeln würde. „Natürlich!“ lautet seine Antwort. Auf dem Etikett steht zwar „Vino de Mendoza“, aber: Denk an die gute Erziehung. Ein weiteres Highlight des Abends sind die Papageien Schwärme die über uns hinweg fliegen. Was wir ganz toll und exotisch finden ist für die Chilenen, oder eher für die chilenischen Obstbauern, ein echtes Ärgernis: Die putzigen Vögel lassen sich mit Vorliebe auf Obstplantagen nieder um dort die Früchte zu verspeisen.

Nach reichlich Bier und Wein schlafen wir beide ganz hervorragend. Am nächsten Morgen hatten wir dann einen neuen Freund. Er war sehr traurig als wir dann weiterfuhren. Strassenhunde sind sehr häufig anzutreffen und werden, anders als z.B. in Osteuropa, von den Einheimischen gefüttert und gestreichelt. 

Am nächsten Tag waren die Temperaturen deutlich niedriger und wir setzen unsere Reise zum Wasserfall „Saltillo del Itata“ fort. Der befindet sich in der Region Biobio. Der Weg dorthin führte uns an einem eher dunklen Kapitel in der deutsch/chilenischen Geschichte vorbei. Das heutige Villa Baviera dürfte den meisten eher unter dem Name Colonia Digidad bekannt sein.

Wir übernachteten auf einem sehr hübschen, in Terrassen angelegten, Campingplatz. Der Zugang war typisch chilenisch: Ein großes rostiges Tor, verrammelt und nur ein Zettel mit einer Handynummer. Insgesamt ein sehr verschlossener und verfallener Eindruck. Kurzer Anruf und nach einer Minute stand ein netter junger Typ mit seinem Vater auf der anderen Seite und öffnete das Tor. Kartenzahlung? Kein Problem! Dank Lauras Hartnäckigkeit haben wir so des öfteren tolle Plätze gefunden, bei denen ich nach Anblick des geschlossenen Tores sofort weitergefahren wäre.

Für den nächsten Tag war leider Regen angesagt, wir hatten uns am Abend vorher aber zähneknirschend darauf geeinigt 150km Autobahn zu fahren. Warum das? Bereits bei Anreise wurden wir darauf hingewiesen das es in der Region zwischen Los Ángeles und Temuco zu Spannungen gekommen war. Dort lebt das Volk der Mapuche. Diese beanspruchen die Verwaltung über ihre eigene Region und wollen dies, je nachdem wen man fragt, unter Anwendung von Gewalt durchsetzen. Ob diese Ansprüche berechtigt sind oder nicht kann und möchte ich nicht beantworten. Was wir jedoch nicht wollten war ungewollt zwischen wie auch immer geartete Fronten zu geraten. Also trotzen wir, gestärkt von Tankstellenhotdogs und Kaffee, dem Regen und rollten vor uns hin. In Temuco verliessen wir die Autobahn und fuhren in Richtung Valdivia. Ich wollte gern dorthin, da es ein Zentrum der deutschen Einwanderer in Chile ist. Ich hatte schon Bier und Schweinebraten mit Klössen vor Augen. Die Landstrassen hinter Temuco waren jedoch erstmal deutlich beeindruckender:

Die Strassen führten in wunderbarem Auf und Ab und Links und Rechts am Pazifik entlang. Ein wahre Wonne. In Valdivia angekommen, mussten wir leider feststellen das unsere Unterkunft überbucht war. Die Alternative war leider teuer und schlecht. „Ein guter Schluck Bier wird es richten“. Immerhin war eine der größten chilenischen Brauereien in Valdivia beheimatet. Der Eintritt in die Brauereigaststätte war auch das einzige Mal das wir unseren Mobilitätspass benötigten. Die Essensauswahl war eher bescheiden: Es gab lediglich „Bröchten“ mit diversen Belägen. Nun gut. Zwei Bier sind auch eine Mahlzeit.

Das Pärchen am Tisch hinter uns teile sich übrigens 2 Pfund Mett. 

Für uns ging es am nächsten Tag, ein Sonntag übrigens, weiter. Für mich fing nun langsam der aufregende Teil an. Wir näherten uns nun langsam Patagonien. Was die meisten nur als Kleidermarke kennen, Stichwort Patagucci, sollten wir nun befahren. Das fand ich schon ziemlich toll und aufregend. Wir fuhren über eine relativ langweilige Strasse als ich plötzlich ein Schild im Augenwinkel sah. Kurze Rücksprache: „Hast du das auch gesehen?“ „Ja!“ Wir fuhren zurück um ein wunderbares Ritual zu vollziehen. Nicht das was ihr jetzt denkt. Man könnte es auch so beschreiben: „Eichen sollst du weichen, Kuchen sollst du suchen“

Die Chilenen haben offensichtlich eine Vorliebe für Oma Ernas Apfelkuchen. Werben sie doch offensiv an der Strasse mit „Kuchen“. Das haben wir uns an einem Sonntag Nachmittag nicht zweimal sagen lassen. Für uns ging es frisch gestärkt weiter in Richtung des berühmten Vulkan Osorno am Ufer des Lago Llanquihue (viel Spaß beim aussprechen). Auf dem Weg dorthin mussten wir noch ein sehr interessante Fährpassage überstehen. Die „Fähre“ waren ein paar Bretter auf ein paar Regentonnen, angetrieben von einem Aussenborder. Das Hauptproblem dabei: Die Fähre konnte nur in einer Richtung be- und entladen werden. Ich habe Laura selbstverständlich geholfen die Enfield zu wenden. Der „Kapitän“ guckte sich das ganze recht belustigt an, rührte aber keinen Finger.  

Am Lago Llanquihue erwartete uns dann Wetter wie wir es von zu Hause kennen: Regen, Nebel, Niesel. Der berühmte Vulkan lag natürlich auch im Nebel. 

Das tat unserer guten Laune jedoch keinerlei Abbruch: Im Gegenteil!

Abends kamen wir dann in Puerto Montt an. Hier beginnt die Ruta 7, besser bekannt als Carretera Austral. Eine der schönsten Strassen der Welt: Sie führt durch Regenwälder, entlang von Seen und den Anden. Weite Teile sind geschottert, wobei der Asphalt Anteil stetig zunimmt. Die Carretera Austral war für mir eigentlich DER Grund warum ich nach Chile wollte.

Dies war auch eine der Fragen die uns während unserer Reise immer wieder gestellt wurde: „Warum Chile?“ Meine pragmatische Antwort war stets: „Warum nicht?“. Dies führte meist zu einem Lachen. Tatsächlich finde ich Chile wahnsinnig abwechslungsreich: Küsten, Berge, Wüste und Regenwald, Gletscher und Vulkane. Das alles auf kleinem Raum. Da wir mit 2 Monaten relativ wenig Zeit hatten, war es für uns beide so möglich unheimlich vielfältige Landschaften innerhalb kurzer Zeit zu sehen und zu erleben.

Auf der Suche nach einer Unterkunft in Puerto Montt stiess uns eine ganz besonders ins Auge: „Oh schau mal: Hier gibt es eine Waschmaschine“ Das war leider das einzig Positive. Ein Boden bei dem beim Auftreten Wasser aus den Fugen trat, sowie zahlreiche Insekten die über unsere Schlafsäcke krabbelten sorgten dafür das wir am Morgen auch recht schnell wieder weg waren. 

Von Puerto Montt aus gibt es zwei mögliche Routen. Die Ruta 7 führt weiter östlich über Hornopirén und die Ruta 5 verläuft westlich über die Insel Chiloé. 

Wir entschieden uns für Chiloé. Der Grund dafür war der Folgende: In Patagonien endet die Carretera Austral bei Caleta Yungay. Es gibt noch eine Strasse nach Villa O`Higgins, von dort gibt es aber kein Weiterkommen. Es gibt grundsätzlich zwei Optionen: 

Variante 1: Man verlässt Chile am Lago General Carrera und reist in Argentinien weiter nach Süden, um dann am Torres del Paine Nationalpark wieder nach Chile einzureisen. Das geht wenn die Grenze geöffnet ist. Der geneigte Leser bemerkt an dieser Stelle: Die Grenzen waren zu!

Variante 2: Man bucht sich Tickets für die Fähre von Caleta Yungay nach Puerto Natales in Chile.

Wo liegt das Problem bzw. warum ist dies so umständlich? Die Antwort: Der Patagonische Eisschild.

 

Das Gletscherfeld ist über 13.000qkm gross und es gibt keinerlei Strassenverbindung. 

Die Fähre auf chilenischer Seite benötigt rund 48 Stunden für die Strecke von Caleta Yungay nach Puerto Natales, fährt allerdings nur einmal die Woche. Da die Fähre leider auch nicht sonderlich groß ist, hatten wir einige Zeit bis zum Ablegedatum, sodass wir uns für Chiloé entschieden. Dort wollten wir in den Parce Tantauco und ein bisschen ausspannen.

Gesagt, getan. 

Leider hatten wir die Entfernung auf Chiloé etwas unterschätzt. Wir kaufen noch schnell ein, da wir im Park selbst nichts einkaufen konnten. Der Parkranger am Eingang war einigermaßen verdutzt, als wir um 18:00 dort ankamen und sagte uns, dass der Park bereits geschlossen sei. Als wir ihm mitteilten, dass wir zum „Camp Lago Chaiguata“ wollten hellte sich seine Miene merklich auf. Er sagte er gäbe den Rangern vor Ort Bescheid. Seiner Erfahrung nach sollten wir für die rund 40 Kilometer lange, unbefestigte Strasse etwa 2-3 Stunden brauchen. 

Die Strasse führte durch Urwald, an meterhohen Farnen entlang. Der Park gehört einem privaten Investor und dient dem Erhalt der Natur sowie den dort lebenden Tieren. Dies sind unter anderem Pudus, Chiloe-Füchse und die „Monito del Monte“: Die Chiloé Beutelratte.  

Nach gut einer Stunde rollten wir vor und wurden mit „Ihr wart aber schnell“ begrüsst. Carlos und Marcela, die beiden Ranger vor Ort waren herzallerliebst und sind uns sehr ans Herz gewachsen. Dieser Ort ist eine meiner schönsten Erinnerungen an die ganze Reise. Unseren ursprünglichen Plan zu zelten gaben wir relativ schnell auf. Zu gut gefielen uns die „festen Unterkünfte“. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass wir in einem Domo übernachten sollten. 

Die nächsten beiden Tage verbrachten wir mit wandern, quatschen und Bier trinken. Die Ruhe an diesem Ort tat unbeschreiblich gut und ich hatte das erste Mal das Gefühl so richtig runterzukommen. 

Laguna de Chaigucao

Bild 1 von 8

Ein weiteres Highlight welches wir uns nach der Wanderung gegönnt haben war ein Abend im Hotpot. Carlos war so nett diesen für uns aufzuheizen. Der Ausblick war unbezahlbar. Zum einen der Panorama Blick aus dem Hotpot, zum anderen Laura im Badeanzug und als letztes der Blick von Carlos als er sah das ich nackt war. Er kam dann noch ein paar Mal um zu schauen ob auch alles in Ordnung war. Diese Form der Gastfreundschaft möchte ich sehr positiv hervorheben!

Am Tag unserer Abreise wurden wir mit „Guten Morgen“ begrüßt. Wir guckten etwas verdutzt, grüßten zurück und kamen ins Gespräch. Es war ein Pärchen aus Santiago, das mit seinen Kindern dort Urlaub machte. Auf meinte Frage woher sie Deutsch könnten, erwiderte der Mann das sein Vater aus Stuttgart und seine Mutter aus Österreich seinen und Anfang der 50er Jahre in Chile eingewandert seinen. Der Abschied von Carlos und Marcela war ein wenig traurig, sie wünschten uns jedoch viel Spaß auf unserer Reise und dank Social Media haben wir auch heute noch ab und zu Kontakt.

Wir fuhren dann entspannt die kurze Strecke nach Quellón im Süden Chiloés. Die Fähre nach Chaíten auf dem Festland war leider bereits ausgebucht, sodass wir uns für die „Bummelbahn“ entschieden die uns zum kleinen Hafen Balmaceda, etwas weiter südlich auf dem Festland bringen sollte. Lt. meiner Bordkarte sollte die Fähre um 23 Uhr ablegen. Lauras Bordkarte besagte 02:00. Also hatten wir gute 8 Stunden. Wir fuhren erstmal zum Strand.

Dort fanden wir einen kleinen Imbisswagen der Eis, kalte Limo und frisch frittierte Teigfladen mit hausgemachter Knoblauchsauce verkaufte. Ich habe schon häufig auf Fähren gewartet und dies war eindeutig einer der angenehmeren Aufenthalte! Wir entschlossen uns noch eine kleine Runde zu fahren. Leider hatten wir dort ein eher unschönes Erlebnis mit Strassenhunden. Die Strasse war sehr eng und vor uns fuhr seelenruhig ein Chilene in seinem Pickup. Ein Rudel aus 5 Hunden fing an laut zu bellen und lief auf ihn zu. Da er die Tiere nicht verletzten wollte und sicher in seiner Blechdose saß, hatte er natürlich die Ruhe weg. Wir konnten ihn leider nicht überholen und standen nun also hinter ihm. Das bekamen auch die Hunde mit. Lautes brüllen, Hupen und eventuell ein beherzter Tritt gegen die Stoßstange bewegten den Chilenen dann dazu sich weiterzubewegen und wir zogen bei der ersten Gelegenheit an ihm vorbei. Belohnt wurden wir dann immerhin mit einem tollen Sonnenuntergang über der Bucht von Quellón:

Danach ging es zurück in den Warteraum der Reederei. Dort gab es immerhin Strom und einen Getränkeautomat. Die Nacht zog sich und irgendwann legte unsere Fähre dann ab. 

Die Chilenen nehmen es, entgegen der allgemeinen Erwartung, relativ genau mit den Sitzplatzreservierungen. Wir staunten nicht schlecht als wir dann unsere reservierten Plätze anvisierten:

Es mag daran gelegen haben das es mittlerweile 2:45 Uhr war und mein Gesichtsausdruck vielleicht „minimal“ abweisend, jedoch sprach uns während der Überfahrt kein Chilene an, obwohl wir nicht auf unseren Plätzen saßen.

Am nächsten Morgen bekamen wir sie dann zum ersten Mal zu Gesicht: Die Carretera Austral!

2 Kommentare

  1. kaum missgeschicke … dass wäre euch mit mir nicht passiert 😉
    weiter so … macht lust auf unseren diesjährigen südamerika trip
    gruß, fish

  2. Unglaublich, ja es ist ein Jahr her und die Erzählungen von Michael und Laura waren schon fesselnd. Aber wenn man die Geschichte praktisch verbal vergangen ist und sie jetzt hier noch einmal sehr ausgiebig zum nachempfinden niedergeschrieben ist entsteht dieser „Travel-Bug“. Irgendwie muss was passieren, eine beeindruckende Geschichte einer Reise. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung. Auch wenn ich hier morgens um 0645 Uhr vor sitzt, der Tag beginnt jetzt anders.
    Danke ihr Beiden

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