Die Krücke…

… und die Kunst ein Motorrad ohne Hauptständer zu warten

Hauptständer sind super praktisch.
Schnell mal aufbocken um die Kette zu schmieren oder das Hinterrad auszubauen – ein tolles Feature, welches im Bestellformular unbedingt angehakt oder bei einer Gebrauchten zeitnah nachgerüstet werden sollte. 

Wirklich?

Oftmals nicht ab Werk montiert, macht einen die Nachrüstung, so diese technisch denn überhaupt möglich ist, um gleich mehrere hundert Euro leichter, und – viel dramatischer – das Motorrad um rund 4kg schwerer.
Mit Pech verliert man an Bodenfreiheit, und bei Tiefer- oder Höherlegungen hat man fast automatisch ein Problem, da der Ständer dann entweder zu kurz oder zu lang ist, und im Gegensatz zu Seitenständern auch nicht ohne beträchtlichen Hassle in der Länge angepasst werden kann.

Okay, so far, so bad – aber was hilft’s, ist das Teil auf der Funktionsebene nicht irgendwie alternativlos…?

Gar nicht mal unbedingt. Für Wartungsarbeiten in der heimischen Garage tut’s z.B. ein Scherenständer genauso, welcher in aller Regel nicht nur deutlich günstiger zu haben ist, sondern auch mit mehreren Motorrädern kombiniert werden kann. Also, äm, natürlich nicht gleichzeitig.

Aber was tun, wenn die Kette fernab der Heimat lautstark nach Pflege verlangt, oder sich irgendwo in der Pampa der Luftdruck im Hinterrad durch Fremdeinwirkung auf 0 PSI reduziert hat, und ein Schlauch getauscht werden muss?

Neben extrem YouTube tauglichen Lösungen, wie etwa dem Aufbocken des Motorrades auf einem Findling oder einem Stapel Knochen eines verendeten Kamels, heißt die immernoch ausreichend adventure-öse und wesentlich einfachere Lösung in aller Regel „Trailstand“ oder auch „Trail Jack“: im Wesentlichen ein irgendwie zerleg-/ zusammenschiebbares und in der Länge variables… Ding, welches im Bedarfsfall, nachdem das Krad leicht von rechts über den ausgeklappten Seitenständer gekippt wurde, unter die Schwinge oder Fußraste geklemmt wird, und so das Hinterrad in der Schwebe hält. Vorderrad-Maintenance ist ebenfalls möglich, ein (stabiler) Motorschutz funktioniert hier als Ansatzpunkt für einen Trailstand am besten.

Was vermutlich irgendwann irgendwo als Nerd-Bastelei begann1), wird mittlerweile von verschiedenen Anbietern zu Preisen um die 50€ angeboten2).
Wer’s hübsch mag und die Ausgabe nicht scheut, kann an dieser Stelle eigentlich aufhören zu lesen, sich eines der genannten Produkte kaufen, und den Hauptständer vergessen.
Pragmatikern und Sparfüchsen hingegen sei allerdings „Die Krücke“ an’s Herz gelegt:

Wie der Name verrät, ist die Rede von einer zweckentfremdeten Krücke, welche die Funktion eines Trailstand’s zum Bruchteil der Kosten eines kommerziellen Produktes erfüllt, und darüber hinaus beim nächsten Treffen die “habe ich gekauft” Streu vom “habe ich selber gemacht” Weizen trennt.
Ein Paar gebrauchte Krücken bekommt man auf Ebay Kleinanzeigen ab 5€, dazu noch eine Schraube samt Mutter, eine Eisensäge und etwa 10 Minuten Zeit, et voila: Trailstand. 
Der etwas klobige Fuß hat sich in der Praxis als unglaublich praktisch erwiesen, egal ob auf Asphalt oder Piste.

Bleibt am Schluss zu erwähnen, dass die Reisediele nicht für zerkratze Schwingen, umgefallene Motorräder oder sonst irgendwas haftet, was im Umfeld eines miß- oder auch geglückten Nachbaus der „Krücke“ passiert ist, oder noch passieren mag. Wie so vieles andere auch, erfordern Bau und Nutzung „Human Brain v.1 or higher“, damit klappt’s dann aber eigentlich ganz gut.



1) Wer auch immer den Trailstand da draußen erfunden hat: im Umfeld der Reisediele war es Andreas Cis von den Ural Feldjägern, welcher „die Krücke“ ersann und zum norddeutschen Synonym für „Trailstand“ hat werden lassen.

2) https://www.endurostar.com
https://rollingmavericks.com/de/products/ultralight-enduro-trail-jack-stand
https://www.bartang.eu/en/trail-jack.html

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